Das Osterreiten

Im Winter beginnt die Vorbereitung

Wenn noch Schneeflocken tanzen, denken Menschen in Ragow, Radden, Krimnitz, Beuchow, Lübbenau und Zerkwitz an Ostern:
Wo wächst Buchsbaum und Douglasie?
Wer schneidet und flechtet mit?
Wieviel Reiter bereiten sich und ihr Pferd auf die Prozession vor?
Wird es sonnig sein und möglichst ohne Wind?
Wer trägt in diesem Jahr das grün geschmückte Kreuz, die Fahnen?

Wochen bevor der Sieg des Lebens über den Tod verkündet wird, ist nicht nur für die Herolde der Neuzeit, die Osterreiter, eine Menge zu tun. Landesstraßenamt und Polizei genehmigen die Route.
Feuerwehrmitglieder, eine Sportgruppe trifft sich zum Flechten des Bogens in Krimnitz und Ragow. An ihm erhält ein Mädchen den extra gebrannten Osterkrug aus Crinitzer Ton. Torwege werden geschmückt, Zelte aufgestellt, Glühwein beschafft, Trompeter organisiert. Liedblätter und Mittagsrast sind vorzubereiten.
Der Radfahrerverein Ragow, gegründet 1922, richtet den Platz her. Aus dem Teich daneben trank zu längst vergangener Zeit das Vieh, als es von der Weide kam.

Ins Zerkwitzer Küsterhaus sind Buchsbaumzweige gebracht.
Frauen des Ortes und der Kirchengemeinde flechten die begehrten Hoffnungssträußchen.
Sie sind in Zerkwitz erfunden: Ein grüner Gruß aus der Osterkirche mit ihrem farbigen Fenster. Dem einzelnen Empfänger bedeuten sie viel:
"Mensch, schau nach vorn! Er, von dem sie sagen, er sei auferstanden, geht dir voraus."
Die festliche Reiterschar, die Herolde der Hoffnung, überreichen am ältesten kirchlichen Feiertag die begehrten Sträußchen mit weißem Band an erwartungsfrohe Menschen. Bis es soweit ist, machen erfahrene Osterreiterinnen die jüngsten Teilnehmer mit dem slawisch-christlichen Brauch vertraut. Die Fahnen aus der Kirche leihen sich die Osterreiter aus, damit die Tiere an den flatternden Stoff in ihrem Gesichtsfeld gewöhnt werden. Dann geht die Karwoche zu Ende.
In der Nacht von Karsamstag auf den Ostersonntag leuchten in den ländlichen Stadtteilen die Osterfeuer auf.

Die Auferstehung feiern

Zum Osterfest wird der Segen an der Kirchenschwelle vom Pfarrer gesprochen. Kinder der Gemeinde haben nach dem Frühgottesdienst die Fahnen nach draußen getragen. Damit stehen sie links und rechts des Portals. In der Mitte hält ein anderes Kind das Stangenkreuz bereit. Grün umwickelt, erinnert das Symbol an den Zusammenhang von Kreuz und Auferstehung.

Auf das Ende der Marter verweist in den vier Fahnen das rote Kreuz. Marter ist das ältere Wort für Leid und Qual. Während die Reitergruppe um die Zerkwitzer Kirche zieht, erhält ein Fahnenreiter nach dem anderen das Christusbanner gereicht. Am Steigbügel in eine Hülse gesteckt, ist so die Prozession durch die Dörfer von weitem gut sichtbar. Der Sinn des seit 1998 wieder entdeckten Ritus wird verständlich durch den Gruß der Reiter "Frohe Ostern", die mitgeführten Zeichen, auffällig wenige Worte: "Orientiert euch am Leben. Haltet Gemeinschaft. Betet füreinander." So ähnlich sagt es der Pfarrer. Kurze Andachten, biblisch begründet, sind üblich geworden in den Stationen Radden, Ragow, Krimnitz. Das sind die Namen der eingemeindeten Stadtteile im Nordwesten der Spreewaldstadt. Typisch evangelisch lesen zur Stationsandacht Bürger das Osterevangelium. Zur Mittagsrast in Ragow rezitiert gern eine Künstlerin aus Berlin den "Osterspaziergang". Wenn der Choral ertönt, "Christ ist erstanden von der Marter alle", singen einige mit. Andere lauschen aufmerksam den Gesängen, dem Moderator, dem Pfarrer, ob das, was zu hören und zu sehen ist, zum eigenverantwortlichen Leben im 21. Jahrhundert hilft. Den Kollektenkorb reichen Kirchenälteste weiter. Scheine rascheln. Die Kirche auf dem Land zu lassen, ist eine Herausforderung. Jede Münze ist willkommen. Nicht nur in der Niederlausitz weiß man das. Die Osterreiter sind ehrenamtlich dabei.

Durch den Osterbogen reiten die Herolde der Neuzeit zum nächsten und letzten Dorf. Von weitem sind die Kirchenglocken zu hören. Mit ihren Fingern umschließt das diesmal beschenkte Mädchen den Osterkrug, ein Lächeln im Gesicht. Wie Ton zerbrechlich ist, so gefährdet ist jedes Leben. Doch nichts davon geht ihr und allen Gästen am Osterfest durch den Sinn. Die Erfahrung des ersten Touristen im Spreewald, Theodor Fontane, ist miteinander geteilt und vervielfacht worden: "Uns gehört nur die Stunde. Und eine Stunde, wenn sie glücklich ist, ist viel."

Anlass der Prozession ist das älteste Fest der Christenheit: die Feier der Auferstehung Christi. Am wendischen Osterreiten kann jeder ab 14 Jahren teilnehmen. Die Kirchengemeinde Zerkwitz als Veranstalterin freut sich über Teilnehmer und Gäste, ohne dass nach der Konfession gefragt wird.

Skizze von Anja Koal

Vertrauen von Anja Koal

Ostern

Ostern heißt Auferstehung - auch für uns

Man kann es kaum glauben: Jesus ist zu neuem Leben erweckt worden.Er tritt zu seinen Freunden mit dem vertrauten Gruß "Friede sei mit euch!"

Was Ostern passiert ist, lässt sich nicht erklären. Schon gar nicht naturwissenschaftlich. Die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erzählen Unbegreifliches, was heute Menschen erfassen und in Jubel versetzen kann. Der über Stunden im Todeskampf starb, im Felsengrab bestattet ist - als Unschuldiger! Der ist auferstanden, auferweckt, wahrhaftig auferstanden.Gekreuzigt nach persisch-römischer Sitte, ist Jesus auferstanden durch Gottes Kraft.

  • Ostern ist ein Hoffnungsfest, weil Jesus Christus den Tod überwunden hat.
  • Gottes Liebe reicht über den Tod hinaus. Wie das persönlich zu deuten ist, kann der/die Einzelne für sich erfahren.

In alten Zeiten haben Herolde die Siege verkündet. Die unbewaffneten Herolde übermittelten Botschaften an Freund und Feind. Begleitet von Trompetern, mussten sie als Respektspersonen vertrauenswürdig, politisch neutral und der Wahrheit verpflichtet sein. Wer sie ausgesandt hatte, zeigte das Wappen auf ihrer Kleidung, auf dem mitgeführten Banner oder ihrer Pferdedecke.

Überliefert ist die Feier des Osterfestes in Rom ab 350 n. Ch. Von Gründonnerstag, über Karfreitag bis zum Ostermorgen versammeln sich hoffend-zweifelnde Menschen zu Messen, Gebeten und Andachten. Ostern ist das älteste christliche Fest. Zum Gedächtnis des nichtverstehbaren Leidens kommen Christen zusammen. Sie beten um Frieden, um Respekt,um die Totenruhe der im Kampf Gefallenen,für die Sterbenden und Kranken heute, für die Versöhnung zwischen den Völkern.

Das kulturelle Erbe des Christentums bringt Menschen aus Ost und West, Nord und Süd zusammen. "Jeder sonnt sich heute so gern; sie feiern die Auferstehung des Herrn..." deutet 1808 Johann Wolfgang Goethe das ewige Suchen des Menschen nach Lebensfülle. Faust muss scheitern; der ewige Siegertyp ist ein illusorisches Wunschdenken.

"Sag mir, Freund: Liebst du mich?"
"Ja, ich liebe dich sehr."
"Weißt du, Freund, auch, was mir weh tut?"
"Wie kann ich wissen, was dir weh tut?"
"Wenn du nicht weißt, Freund, was mir weh tut,
wie darfst du sagen, dass du mich liebst?"

Chassidische Weisheit



Überwindung ist ein Wort, das Ostern erschließt

Überwindung der Schuld.
Überwindung des Todes.
Überwindung der Furcht.
Überwindung durch Gottes Tat allein:

"Christus ist auferstanden. Er geht euch voraus"(Markus 16,6-8).

Die Interpretation der Guten Nachricht ist Auftrag aller Kirchen. Im Spreewald werden die Osterreiter von Zerkwitz als Herolde der Neuzeit verstanden. Sie verkünden den Sieg des Lebens über den Tod. In einer bildlichen Darstellung im Fenster der Kirche hält der auferstandene Christus die Kreuzesfahne in der Hand.
Das Banner der Marter und des Sieges zeigt auf weißem Grund das rote Kreuz. Lange vor der Verwendung in der Malerei und Skulptur ist es beliebtes Zeichen für Menschen mit gefährlichen Berufen sowie für Bürger Jerusalems. Jerusalem ist der Todesort Jesu Christi.

'Marter' nannte man früher Leid, auch Folter. Die rote Farbe verweist auf menschliches Blut, auf kostbares Leben. Das Banner mit der Osterbotschaft ist zum Zeichen der Würde geworden; zum ersten gemeinsamen Zeichen der alten Europäer. Mit ihren Pferden tragen Reiterinnen und Reiter zum Osterfest die frohe Botschaft zu allen Menschen: Der Herr ist auferstanden.

    Der auferstandene Christus kommt,
    um im Innersten von uns Menschen
    ein Fest lebendig werden zu lassen.

    Er bereitet uns einen Frühling der Kirche -
    die über keine Machtmittel verfügt,
    bereit ist, mit allen zu teilen und
    ein Ort sichtbarer Gemeinschaft
    für die ganze Menschheit zu sein.

    Er wird uns Mut und Phantasie geben,
    Wege der Versöhnung zu gehen.
    Er wird uns und alle befähigen,
    dass kein Mensch Opfer des Menschen sei.

Frère Roger, Taizé